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Making of des Video-Appells „S4F – Aufruf an die Politik“.  Oder: Wie aus Wissenschaftler*innen Youtuber*innen wurden.

Angefangen hat alles mit einer E-Mail von Maja Göpel an die S4F-BE-BB-Mailingliste:
(Freitag, 24.5.2019, 10:08 p.m.)
https://www.youtube.com/watch?v=Xpg84NjCr9c
Unser Statement als die Referenz von über 90 Youtubern.
Ich hab Gänsehaut.”

Beim Lesen dieser E-Mail kam Bernhard Steinberger der Gedanke, dass – gerade weil in dem Video ja auch auf Scientists for Future (S4F) Bezug genommen wurde – wir von S4F ein ähnliches Video mit unserer Stellungnahme machen könnten. Durch diese neue Art der Wissenschaftskommunikation würde durch die direkte Ansprache des Zuschauers die von mehr als 26.000 Wissenschaftler*innen unterzeichnete S4F-Stellungnahme persönlich, eindrucksvoller und zugänglicher transportiert.

Die ursprüngliche Idee für das Video war sozusagen als „Bildungsmaterial“ primär für Kinder und “Unterstützungsmaterial” für Fridays for Future gedacht. Dadurch könnte S4F die Gründe kommunizieren, warum Wissenschaftler*innen die Proteste von Fridays for Future unterstützen. Gleichzeitig könnten S4F Fridays for Future weiter ermutigen, und ihnen zeigen: Wir sind auf eurer Seite.

Eine entsprechende E-Mail von Bernhard am Samstag, 25.5.2019 gegen Mittag an den S4F-BE-BB-Verteiler wurde schließlich Sonntagabend um kurz nach 23 Uhr von Judith Hardt beantwortet. Sie hatte eigentlich direkt schon eine Antwort-E-Mail formuliert, aber diese einen Tag liegen lassen, weil sie noch mit dem entstehenden Arbeitsaufwand rang. Trotz Zweifeln war der Startschuss gegeben und so nahm unser S4F-Youtube-Video-Projekt seinen Lauf. Knapp vier Monate später, nach mehr als 1000 E-Mails, und nachdem wir im Koordinationsteam zeitweise zu nichts anderem mehr kamen, erwiesen sich die anfänglichen Zweifel und das Zögern zum Glück als ziemliche Fehleinschätzung.

Zunächst wurde die Idee bei Scientists for Future und von Freunden eher verhalten aufgenommen. Bedenken waren z. B., dass man sich eher über uns lustig machen würde. Wissenschaftler*innen seien eben keine Youtuber*innen, sondern im Gegenteil eher relativ uncool… Es gab auch die Einschätzung, dass das Statement ja nichts Neues mehr wäre und die alten Kamellen wieder aufzuwärmen – wofür? In Anbetracht der politischen, dringlichen und mehr als aktuellen Situation ließen wir uns jedoch nicht beirren und schließlich einigten wir uns darauf, zunächst ein Test-Video zu erstellen. Die Empfehlung war, dass zusammen mit ein paar Freunden zu machen. Ausgehend von dem Prinzip “wenn schon, denn schon” konnten wir überraschenderweise einige Wissenschaftler*innen und Verfasser*innen der Stellungnahme für das Projekt zur Teilnahme begeistern. Mit Hilfe von Bernhard’s Tochter Alisha, die für eine Visual-Effects-Firma arbeitet, konnten wir das Testvideo zusammenstellen.

Zeitgleich hatte sich bereits eine weitere Entwicklung ergeben. Es gab die Idee, das Video-Statement zu einem Appell an die Politik auszuweiten, der dann in Zusammenhang mit dem globalen Klimastreik im September veröffentlicht würde. Diese inhaltliche Ausweitung und die Textkoordination des “Aufrufs an die Politik” wurde vor allem von Martina Schäfer vorangetrieben. Nachdem Martina deswegen sämtliche Autor*innen der Stellungnahme angeschrieben hatte, gab es keinen Weg mehr zurück: Testvideo hin oder her; das Video musste jetzt gemacht werden.

Ausgehend von den Erfahrungen der Test-Version war unsere nächste Sorge, dass wir für die vor uns liegende Aufgabe nicht professionell genug aufgestellt waren. Denn auch wir selbst hatten bereits gemerkt, welche Herausforderung es für jeden einzelnen bedeutet, eine gute Video-Aufnahme zu liefern. Auch das professionelle Know-How für die Anweisungen fehlte und es wurde uns immer klarer, dass wir noch mehr Unterstützung brauchten.

Bei der Sichtung der eingereichten Beiträge für das Testvideo entdeckten wir, dass die Videos von Linda Mederake qualitativ sehr gut waren. Auf Nachfrage hin wurden wir auf den Kameramann von Linda aufmerksam und so kam die Zusammenarbeit mit Patrick Bürger zustande. Dieser war sofort Feuer und Flamme und redigierte unsere Anweisungen für die Video-Aufnahmen. Zudem brachte er noch Sebastian Rau mit an Bord. So war Ende Juli unser vierköpfiges S4F-Film-Koordinations- und Produktionsteam beisammen, das in den nächsten knapp zwei Monaten mit ziemlich intensivem Einsatz (mehr als 1000 E-Mails, vielen Skype-Konferenzen, mehreren Nachtschichten) das Video vorantreiben würde, komplett.

Arbeitsweise, -Aufwand und Entscheidungen

Zunächst einmal brauchten wir jetzt mehr Material, da wir nur wenige Testvideo-Beiträge in die Endversion übernehmen konnten. Also schrieben wir jede Menge Einzelpersonen und ganze Listen an, aber es war immer noch zu wenig. So kam uns die Idee, einen Drehtermin im und ums Museum für Naturkunde Berlin anzubieten, den ca. 10 Leute wahrgenommen haben. Zusätzlich zu Patrick unterstützte uns Christian Suhr bei den Aufnahmen und auf diese Weise konnten wir sehr gutes Video-Material gewinnen. Ungefähr zeitgleich erfuhren wir von David Fopp, dass Greta Thunberg einen Beitrag für unser Video-Projekt beisteuern würde und da wir bereits weitere Zusagen von hochkarätigen Wissenschaftler*innen hatten, wussten wir: Nun wird es ganz groß. Und mit einem Mal wurden wir pünktlich zu unserer gesetzten Deadline am 20. August von Video-Beiträgen überflutet und wir kamen gar nicht mehr hinterher, das Material zu sichten und zu katalogisieren. 

Die eingereichten Beiträge waren sehr unterschiedlich, bezüglich ihrer Ton- und Videoqualität, sowie der Anzahl gesprochener Textstellen. Auch erforderte das Sichten investigativer Fähigkeiten und Ausdauer, da nicht jede Datei mit dem Namen des bzw. der Sprechenden gekennzeichnet war. Um einen Überblick über das Material zu behalten, wurde der Text in 52 Absätze unterteilt und die Absatznummern in die Dateinamen übernommen und alle Beiträge in einer Excel-Datei katalogisiert. Im Rahmen des Projekts wurden 497 Videobeiträge von 133 Wissenschaftler*innen katalogisiert, welche 751 Textabschnitte enthielten und zusammen mehr 37 GB Videomaterial ergaben.

Die nächste Herausforderung bestand darin, alle Wissenschaftler*innen im Video unterzubringen. Da im Mittel jeder Textabschnitt von 15 Personen gesprochen wurde und es eine große Ungleichverteilung der eingesendeten Textabschnitt-Aufnahmen gab, mussten wir schweren Herzens einige Beiträge herauslassen. 

Eine weitere Herausforderung bestand darin, das Material technisch für den Schnitt vorzubereiten. Wir wurden mit den unterschiedlichsten Formaten und Bildraten konfrontiert, sodass einige Clips vor dem Schnitt erst konvertiert werden mussten, damit die Schnittsoftware die Clips überhaupt verarbeiten konnte.

Dann konnte der eigentliche Schnitt beginnen. Zuerst wurde eine komplett gesprochene Videospur des Aufrufs erstellt, mit den Clips, die nach der ersten Auswahl am besten passten. Diese Videospur bildete die Grundlage für das Timing und enthielt noch viele Doppelungen bei den Sprechenden. Nach und nach wurden diese Textstellen mit Material von anderen Wissenschaftler*innen ersetzt. In diesem Arbeitsschritt wurden die Videos von fast allen Wissenschaftler*innen eingebaut und wir erkannten schnell, dass wir hier an Grenzen stoßen, was die Verständlichkeit des Aufrufs angeht. Dadurch mussten einige Clips wieder herausgeschnitten werden, um die Schnittfrequenz an einigen Stellen zu reduzieren und somit die Verständlichkeit des Aufrufs zu erhalten.

Um bei dem ganzen Hin und Her tauschen den Überblick zu behalten, war die Such- und Farbkennzeichnungsfunktion der Schnittsoftware ein wahrer Segen.

Nachdem der Feinschnitt soweit fertiggestellt war, wurde der Ton, mit dem Fokus auf Sprachverständlichkeit, abgemischt.

Hier wurde nun auch die Musik relevanter, die uns Lucas Eneko beigesteuert hat.

Zusätzlich wollten wir unsere Botschaft auch über die Social Media verbreiten und wir konnten mit Hilfe von Claus Martin und Patrick Fass einen Trailer erstellen. 

Auf der Zielgeraden

Ein ziemlicher Nervenkitzel war Anfang September der Moment der absoluten Wahrheit: Wir fragten den Youtuber Rezo um Rat. Hintergrund war, dass unser Video in der Machart und auch thematisch auf das Video-Statement der 90 Youtuber*innen antwortete und nachdem wir nur sehr wenigen anderen Personen einen Einblick gegeben hatten, waren wir entsprechend aufgeregt: Würde unser YouTube-Vorbild unsere Arbeit schätzen können? Es war ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit sehr wichtigen Tipps und einer für uns unglaublich schönen Bestärkung in unserem gelungenen Vorhaben: “mega nices Video. Bin positiv überrascht. Finde es mega stark….”. Überraschend für uns war u. a. Rezo’s Einschätzung, dass dieses Video nicht an die junge Generation gerichtet wäre (weil diese ja sowieso schon längst die Situation verstanden hätte), sondern insbesondere ältere Personen wären die Adressat*innen. Ein weiterer Tipp betraf die Musik und das Setzen gewisser Ankerpunkte für den Zuschauer. 

Wir hatten zwischendurch schon über Musik nachgedacht aber noch keine unmittelbare Lösung gefunden. Der Anspruch war jedoch mit der Zeit gewachsen, die Botschaft mit einer eindringlichen und wenn möglich original für den Film entworfenen Musik zu unterstreichen. Zum Glück trafen wir auf Lucas Eneko, der mittels durchgemachter Nächte die tolle Musik für das Video erarbeitete. Neben der starken atmosphärischen Bedrohung entwickelte er durch das tickende Metronom das transportierte Zeitgefühl der Dringlichkeit, welches zentral für die Botschaft des Videos ist und insbesondere den Abspann des Films bestimmt. Diesen Abspann baute Patrick, der uns zudem ermöglichte, durch die weiteren Video-Ausschnitte die Fülle der Wissenschaftler*innen zu zeigen, die sich aktiv an dem Video-Appell beteiligt haben.

Als es auf den Release zuging, waren wir sehr dankbar für die Hilfe von Henning Krause, der sehr intensiv an der Social-Media-Koordination arbeitete und uns viele Hinweise und Hilfestellungen gab. Zusätzlich zu unserem geplanten Release in den Social Media hatte Martina die Initiative ergriffen und unser Video der Berliner Yorck-Kino-Gruppe angeboten. Nachdem wir eine Zusage hatten, musste dementsprechend noch die Herausforderung der DCP-Erstellung angegangen werden, die wir mit Unterstützung des Fraunhofer Instituts ISS und des Sounddesigners Nico zeitlich relativ knapp für den ersten Kino-Vorführungstermin am 20.9. meistern konnten.

Auf diese Weise konnten wir unseren “S4F – Aufruf an die Politik” mit einem unglaublich großen Rückhalt und Unterstützung unzähliger Personen ohne jegliche finanziellen Mittel am 17.9.19 auf YouTube veröffentlichen und zeitgleich in mehreren Kinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz lancieren. 

Insgesamt war die Arbeit an dem Video, und speziell die Zusammenarbeit im Koordinationsteam eine sehr schöne und intensive Erfahrung. Jeder hat mit voller Konzentration und vollem Einsatz gearbeitet und wir haben uns im Team wunderbar ergänzt. 

Wir hoffen, dass durch den Video-Appell “S4F – Aufruf an die Politik” eine breitere Bewusstseinswerdung erfolgt und die wissenschaftlich erwiesene Notwendigkeit von Wandel noch breiter in die Gesellschaft hineinwirken kann. Wir als S4F sprechen alle Personen persönlich mit dieser Kernbotschaft an: Die Forderungen von FFF sind berechtigt und wir unterstützen die Kinder, weil sich die Wissenschaft einig ist: unsere Zukunft ist in Gefahr. JETZT muss gehandelt werden!

YouTube-Links (Langfassung, Trailer)
S4F-Aufruf: youtube.com/watch?v=4ZYh0aTSvBA
S4F-Aufruf Trailer: youtube.com/watch?v=WaojkxBuWwk
S4F-Aufruf Weitere Botschaften: youtube.com/watch?v=hMSSUWmYkNI

Tweets and Re-Tweets:
twitter.com/GretaThunberg/status/1173954671901315072
twitter.com/rezomusik/status/1174240080845844481
twitter.com/maithi_nk/status/1174248243053629441
twitter.com/VQuaschning/status/1173962982411374592
Auch Stefan Rahmstorf, FridayForFuture (Germany)

Pressemitteilung:
scientists4future.org/2019/09/scientists-for-future-video-appell-an-die-politik/

Websiteeinträge und Presseecho:

Mitteilungen auf Webseiten und Tweets unserer Institutionen:

Radiobeiträge: 
Eine Audio-Version des Trailers wurde am 20. September bei Radio Fritz gesendet

Kinovorführungen:
In Berlin zeigte die Yorck-Kinogruppe unseren Aufruf in voller Länge im Rahmen des weltweiten Klimastreiks am 20. September vor jedem Hauptfilm.
Weiterhin wurde Trailer und/oder Aufruf bereits in verschiedenen Kinos in Basel, Graz, Innsbruck, Linz, Luzern, München, St. Gallen, St. Pölten und Wien gezeigt, sowie auf dem Filmfestival „Cinema Talks“ (www.cinema-talks.com, 27.09 bis 28.09 im Schubertkino Graz). 

Bei Interesse können Kinos gerne mit dem S4F-Film-Team Kontakt aufnehmen. Sowohl der Trailer als auch der vollständige Aufruf liegen als DCP vor.