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Wissenschaft sieht Biodiversität und Nachhaltigkeit durch bevorstehende Reform der EU-Agrarpolitik bedroht

13. März 2020 | In einem Positionspapier (Pe’er et al. 2020) wenden sich Forscher*innen – von denen viele bei Scientists for Future aktiv sind – an die Europäische Union. 

In der von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Universität Rostock koordinierten Publikation werden die aktuellen Reformvorschläge der EU-Kommission als unzureichend bewertet. Die 21 Autor*innen mahnen eine bessere Berücksichtigung der Wissenschaft bei der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU an. Über 3600 Wissenschaftler*innen haben dieses Dokument mitgezeichnet.

Die GAP nach 2020, wie sie derzeit von der Europäischen Kommission vorgeschlagen wird, geht die Herausforderungen in den Bereichen Umwelt und Nachhaltigkeit nur unzureichend an. Das macht ein Weiter-wie-Bisher-Szenario sehr wahrscheinlich.“ Die Landwirtschaft wird als eine der Hauptursachen für den Rückgang von Biodiversität und den fortschreitenden Klimawandel benannt (IPCC, 2019). Diese Einschätzung wird auch durch den letzten Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES gestützt, in dem die intensive Landnutzung als die wichtigste Ursache für den Rückgang der biologischen Vielfalt identifiziert wird (IPBES, 2018, Diaz et al., 2019).

Die Veröffentlichung des Positionspapiers erfolgte zeitgleich mit dem Start der Verhandlungen der Europäische Union über Förderrichtlinien ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik für die kommenden sieben Jahre. 58 Milliarden Euro investiert die EU jährlich in die Förderung der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes – das ist mehr als ein Drittel des EU-Gesamtbudgets. Die Neuausrichtung dieser Subventionen, so die Forscher*innen und Unterzeichnerinnen, berücksichtige selbst etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Agrarlandschaften Europas nur unzureichend. „Das nötige Wissen für einen Übergang zu einer evidenzbasierten, nachhaltigen europäischen Landwirtschaft steht zur Verfügung“, stellen die Autor*innen im Positionspapier fest, es sollte genutzt werden, „um den Forderungen der Bürger nach einer nachhaltigen Landwirtschaft nachzukommen und systemische Schwächen der GAP zu beheben.“

Mit dem aktuellen Positionspapier legen die Autor*innen einen Katalog mit zehn politischen Maßnahmen für eine neue GAP vor. Diese beinhalten unter anderem ausreichende Mittel für einen effektiven Schutz von Klima und biologischer Vielfalt, eine effektive Erfolgsmessung dieser Maßnahmen sowie eine transparentere EU-Agrarpolitik, die alle Interessengruppen gleichermaßen beteiligt. 

An erster Stelle jedoch fordern die Autor*innen, die Direktzahlungen an Landwirte in Zahlungen zugunsten öffentlicher Güter und gesellschaftlicher Erwartungen umzuwandeln. „Die Direktzahlung dienen zurzeit hauptsächlich dazu, die Einkommen der Landwirte zu fördern,“ meint Agrarökonom und Mitautor des Positionspapiers Prof. Dr. Sebastian Lakner von der Universität Rostock. „Das blockiert eine sinnvollere Verausgabung der öffentlichen Mittel und trägt kaum zur Erreichung von Umweltzielen bei.“ Sinnvoller wäre beispielsweise die Erhaltung und Wiederherstellung kleinteiliger Landschaftsstrukturen mit Elementen wie Blühstreifen, Hecken und Grünland. Davon profitieren viele Vögel, Insekten und Säugetiere, diese biologische Vielfalt kommt auch der Landwirtschaft zugute.

Quellen:

Diaz, S., Settele, J., Brondízio, E., Ngo, H., Guèze, M., Agard, J., Arneth, A., Balvanera, P., Brauman, K., Butchart, S., 2019. Summary for policymakers of the global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services.Available at https://www.ipbes.net/sites/default/files/downloads/spm_unedited_advance_for_posting_htn.pdf
Zusammenfassung in deutscher Sprache: https://www.ufz.de/export/data/2/228053_IPBES-Factsheet_2-Auflage.pdf

Guy Pe’er, Aletta Bonn, Helge Bruelheide, Petra Dieker, Nico Eisenhauer, Peter H. Feindt, Gregor Hagedorn, Bernd Hansjürgens, Irina Herzon, Angela Lomba, Elisabeth Marquard, Francisco Moreira, Heike Nitsch, Rainer Oppermann, Andrea Perino, Norbert Röder, Christian Schleyer, Stefan Schindler, Christine Wolf, Yves Zinngrebe, Sebastian Lakner (2020): Action needed for the EU Common Agricultural Policy to address sustainability challenges. People and Nature. DOI: 10.1002/pan3.10080. Unterschriftenlisten unter DOI: 10.5281/zenodo.3685632.

IPBES 2018. The assessment report on land degradation and restoration. Bonn, https://www.ipbes.net/system/tdf/2018_ldr_full_report_book_v4_pages.pdf?file=1&type=node&id=29395.

IPCC, 2019. Climate Change and Land: An IPCC Special Report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems – Summary for Policy Makers.