Suche
Suche Menü

Gegen Angriffe auf die Wissenschaft

Bei den Angriffen gegen den Virologen Christian Drosten handelt es auch um einen Angriff auf den Wissenschaftsbetrieb als solchen. Diese Art der Berichterstattung läuft Gefahr, das Vertrauen in Wissenschaft zu untergraben und schadet damit uns allen. 

Bereits seit längerem deuten  einige Medien offene wissenschaftliche Diskurse über virologische Forschungsergebnisse zu COVID 19 in Kämpfe zwischen Personen um. Am vergangenen Montag behauptete die Bild-Zeitung, eine Studie Drostens werde von Kollegen als „fragwürdig“ und „grob falsch“ kritisiert.[1] Tatsächlich ist es jedoch eher diese Darstellung, die grob falsch ist. Sie untergräbt das Vertrauen in die Wissenschaft und leistet Verschwörungsmythen Vorschub. 

Wir beobachten hier die Stilisierung eines normalen wissenschaftlichen Diskurses zu einem Konflikt. Bei dem kritisierten Text handelt es sich um eine sogenannte Vorpublikation („Pre-Print“). So etwas ist eine noch unfertigen Studie, die im Rahmen offener Wissenschaft vielen Fachkolleg*innen zur konstruktiven Kritik vorgelegt wird. 

Die zum Beleg eines „Virologen-Zoffs“ herangezogenen Wissenschaftler distanzierten sich daher auch von der Vereinnahmung für eine Kampagne: Ihre Zitate waren gänzlich aus dem Zusammenhang gerissenen worden.[2] 

Wir verstehen, dass Medien auf kurze, knackige Schlagzeilen angewiesen sind. Die Wissenschaft allerdings ist auf offene Diskussionen im Kreis von Kolleg*innen angewiesen. Formulierungen wie „Virologen-Zoff“ oder gar „Krieg der Star-Virologen“ (RP-Online) verzerren diese normalen Vorgänge. Sie untergraben nicht nur das Vertrauen in die medizinische Forschung, sondern auch in die Wissenschaft an sich. 

Wir empfinden die  Attacken auf Drosten daher auch als eine Attacke auf alle, die sich für eine offene und transparente Wissenschaft ebenso wie eine wissenschaftliche Politikberatung einsetzen.

Gerade in Krisen ist Vertrauen unser wichtigstes Kapital. Nicht das Vertrauen in einzelne Wissenschaftler*innen, sondern das Vertrauen in Wissenschaft als gemeinschaftlichen Prozess. Wissenschaftlicher Fortschritt basiert auf dem offenen Austausch von Erkenntnisfortschritten.[3] Es schadet uns allen, wenn man diesen Austausch erschwert, indem man ihn auf der Suche nach Sensationen mit falsch wiedergegebenen Zuspitzungen ausschlachtet. 

Niels-Arne Münch und weitere Kolle*innen von S4F

[1] www.bild.de/politik/inland/politik-inland/fragwuerdige-methoden-drosten-studie-ueber-ansteckende-kinder-grob-falsch-70862170.bild.html (Paywall)
[2] https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-05/bild-artikel-christian-drosten-corona-studie-schuloeffnung#worum-geht-es-in-der-debatte 
[3] https://www.spektrum.de/kolumne/kein-verstaendnis-von-wissenschaft/1738472